Exposé

Kategorie: Texter-Service - Auftragsarbeit: Charité - Universitätsmedizin Berlin

01 | Exposé

 

Comparative Perspectives on Senior Housing and Care

 

Einleitung

1.Kontext

2.Bedürfnisse und Notwendigkeiten

3. Arnsberg: Ein Beispiel aus der Praxis

4.Die Komplexität urbaner Lebensräume

Literatur

 

Einleitung

 

Das nachfolgende Exposé beschäftigt sich mit dem Thema “Senior Housing and Care“ und konzentriert sich dabei im Besonderen auf urbane Lebensräume.

 

Im Rahmen eines Überblicks erläutere ich zunächst, inwiefern demographische Entwicklungen Gesellschaften in Europa und den USA langfristig verändern werden und welche gemeinsamen Problemstellungen sich darüber für das Wohnen und die Pflege im Alter ableiten lassen. Der zweite Teil beschäftigt sich mit der Frage: Welche Ansprüche und Vorstellungen verknüpfen ältere Menschen mit dieser Thematik und wie lassen sich deren Vorstellungen mit gesellschaftlichen Interessen bzw. Notwendigkeiten verbinden? Anhand eines deutschen Modellprojekts der Stadt Arnsberg kann veranschaulicht werden, wie durch erfolgreiche Kooperation unterschiedlicher Interessengruppen eine Grundlage für mehr Lebensqualität im Alter geschaffen werden konnte. Welche Probleme über die Notwendigkeit der Mobilisierung und Information älterer Menschen im urbanen Raum darüber hinaus bestehen, und die sich daraus ergebenden Vorteile einer internationalen Zusammenarbeit, werden im letzten Punkt erläutert.

 

1.Kontext

 

Eine neue Herausforderung für die westlichen hochindustrialisierten Gesellschaften in der Gegenwart und der Zukunft besteht in der Anpassung an die Folgen demographischer Veränderungen. In den Ländern nimmt der Anteil an älteren Menschen in der Bevölkerung zu und häufig wird in diesem Zusammenhang von einer „Überalterung“ der Gesellschaft gesprochen. Medizinischer Fortschritt, verbesserte Lebensbedingungen und ein gewachsenes Bewusstsein für Gesundheit führen zu einem Anstieg der Lebenserwartung. Demgegenüber steht in unterschiedlicher Ausprägung der Rückgang der Geburtenraten.

 

Welche Folgen eine solche Entwicklung auf die einzelnen Nationen hat, wird im OECD Bericht von 2003 wie folgt zusammengefasst: “Demographic issues are having a fundamental impact on financing old age. We are beginning to experience a demographic deficit, as the ´dependency ratio´ of older people to younger workers financing their retirement becomes more and more unbalanced. Transfers are still the main source of income for elderly people and this poses an increasing dilemma for goverments and for national solidarity as the cost burden on a shrinking working population rises. [...] Participants concluded that virtually all areas of public policy will be affected [...] labour markets will have to be adjusted; education must be reformed to introduce life-long learning; adjustments will have to be introduced to pension schemes and age of entitlement to pensions to prevent bankruptcy; policies for ´ageing in place´ and ´active ageing´ will be required; and solutions for the long term care of the very elderly will have to be found” (OECD PUBLICATIONS 2003: 16ff.).

 

Daran lässt sich die Komplexität einer solchen gesellschaftlichen Verschiebung erkennen. Hinzu kommen die Folgen globaler Veränderungen, denn die Globalisierung der Märkte engt den Spielraum nationaler Volkswirtschaften u. a. in Bereichen der Wirtschafts-, Beschäftigungs- und Sozialpolitik immer stärker ein. Somit bleiben eingeleitete Maßnahmen nicht auf die eigene Volkswirtschaft beschränkt und werden nicht allein von dieser bestimmt.

 

Länder wie Deutschland und Italien werden in besonderem Maß von demographischen Veränderungen betroffen sein. Dadurch, dass die dort vorherrschenden sozialstaatlichen Systeme (über das Subsidiaritätsprinzip) die Selbsthilfe der Familien fördern, wird der größte Anteil der älteren Menschen gegenwärtig von Familienangehörigen in Privathaushalten betreut bzw. gepflegt (traditionell in der Regel von Ehefrauen, Töchtern oder Schwiegertöchtern). Niedrige Geburtenraten und der Eintritt von immer mehr Frauen ins Berufsleben werden in der Zukunft die Zahl der pflegenden Angehörigen stark reduzieren. Die Familien selbst werden kleiner und es wird mehr Menschen geben, die keine Familie gründen. Demzufolge wird das familiäre Netz dünner. Die Erweiterung durch sozialstaatliche Netzwerke wird aus finanziellen Gründen kaum möglich sein.

 

Dies lässt sich am Beispiel Finnlands verdeutlichen, welches im Vergleich mit anderen Ländern Europas zu den wohlhabenden Nationen zu zählen ist. Die wirtschaftliche Rezession zu Anfang der neunziger Jahre gekoppelt mit demographischen Faktoren, machten Veränderungen in Sozial- und Gesundheitsdiensten unumgänglich. Denn das bestehende System war darauf gegründet, dass so viele Menschen wie möglich in der Vollbeschäftigung tätig sind und möglichst wenige Menschen sozialstaatliche Leistungen in Anspruch nehmen. In diesem Zusammenhang wurde u. a. von der „vorauseilenden Vergesellschaftung familialer Kosten“ (Esping Anderson 1998, 44f.) gesprochen. Innerhalb dieses Modells erhalten Frauen die Möglichkeit, Beruf und Familie miteinander zu verbinden, die Pflege von Kindern, Alten und Hilflosen wird staatlich unterstützt.

 

Dieses System der „Gleichheit auf höchstem Niveau“ (Esping Anderson 1998, 45) steht in großer Abhängigkeit zur Arbeitssituation. Nur mit der einkalkulierten Vollbeschäftigung können die enorm hohen Kosten erwirtschaftet werden. 1994 machten die Sozialabgaben 37,2% des Bruttosozialproduktes aus. Ein Drittel musste für die ältere Bevölkerung aufgewendet werden. Diese Entwicklung führte im weiteren Verlauf zu grundsätzlichen Veränderungen innerhalb der Altenhilfepolitik (vgl. Kivelä-Vierling, A./ Myllymäki-Neuhoff, J. 2001, 2).

 

Es liegt also die Frage nahe, inwieweit sich zukünftige Generationen das Alter überhaupt noch leisten können? Spätestens ab 2010, mit dem Eintritt der ersten “Baby Boomer“ ins Rentenalter, werden diese Folgen merklich zu spüren sein. Wie reagieren die betroffenen Nationen auf diese Entwicklungen, welche Maßnahmen werden eingeleitet, um trotz diesen Veränderungen die Lebensqualität im Alter zu erhalten? Es sollen an dieser Stelle nicht die Finanzierungsdefizite oder die finanziellen Möglichkeiten einzelner Länder besprochen werden, da die internen Bedingungen sich stark voneinander unterscheiden. Allerdings lässt sich am Beispiel Finnlands verdeutlichen, dass die veränderten Bedingungen im Land ein Umdenken notwendig gemacht haben. Denn diese Entwicklungen lassen die jeweiligen Nationen an ihre Grenzen stoßen und erfordern strukturelle Veränderungen. All dies spielt für zukünftige Überlegungen eine bedeutende Rolle. Somit lässt sich also zunächst feststellen, dass die öffentlichen Mittel der Gemeinschaften für das Wohnen und die Pflege im Alter starken Einschränkungen unterliegen. Wie kann die Lebensqualität im Alter trotzdem gesichert werden? Und wie stellen sich die Menschen das Leben – und eben das Wohnen - im Alter vor?

 

2.Bedürfnisse und Notwendigkeiten

 

Im Allgemeinen ist die Vorstellung von einem Leben im Alter bei den meisten Menschen mit der Angst verknüpft, ein selbstbestimmtes Leben aufgeben zu müssen. Die Möglichkeit, eigene Entscheidungen zu treffen und das eigene Leben selbstständig in der eigenen Wohnung zu organisieren, ist für den überwiegenden Teil der Bevölkerung von großer Bedeutung.

 

Dieser Trend, nämlich alten Menschen so lange wie möglich zu einem Leben in ihren eigenen Häusern bzw. Wohnungen zu verhelfen, kann als allgemeines Anliegen der Politik westlicher Industrienationen bezeichnet werden. Dabei kommt es zu einer Übereinstimmung aus unterschiedlichen Erwägungen heraus. Sowohl aus finanziellen als auch aus städtebaulichen Gründen erscheint es am effektivsten, diese Wohnform zukünftig intensiver zu fördern und gleichzeitig ist diese Lebensform auch im Interesse der meisten Betroffenen. “People are staying in their homes as they age and have made clear in various forums that they overwhelmingly want to keep doing so. There is a general agreement that this preference should be supported” (OECD PUBLICATIONS 2003, 10f.).

 

Die Aussicht, im Alter in einem Altenheim zu leben, ist für den überwiegenden Teil der Bevölkerung ein abschreckender Gedanke. Tendenziell lässt sich beobachten, dass innerhalb der letzten Jahre die Nachfrage nach Heimplätzen abnimmt und das Interesse an alternativen, altersgerechten Wohnformen ansteigt (vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2002, 16). Dies korrespondiert wiederum mit Entwicklungen, die sich seit einigen Jahren z.B. in Finnland oder den Niederlanden beobachten lassen. Dort werden zunehmend Modelle der Versorgung im ambulanten Sektor gefördert. Es werden dezentrale Einrichtungen der Altenhilfe, die sich der Vielfalt der regionalen Bedürfnisse und individuellen Lebensweise öffnen, bevorzugt. Dementsprechend wird Anstelle des Ausbaus im Altenheimbereich beispielsweise der private altengerechte Wohnungsbau und die Wohnungsrenovierung vermehrt gefördert. Damit erhalten die älteren Menschen die Möglichkeit, länger in ihrem eigenen Wohnumfeld zu leben und parallel dazu erhöht sich die Nachfrage nach alternativen Wohnformen (vgl. Kivelä-Vierling, A./ Myllymäki-Neuhoff, J. 2001, 2).

 

Der Wunsch nach einem möglichst selbstständigen Leben im Alter sollte also genutzt werden. Denn dies bietet die Chance, ältere Menschen möglichst frühzeitig über verschiedene Möglichkeiten des Wohnens im Alter zu informieren und sie in die Entwicklung von neuen Wohnmodellen einzubeziehen. Sie sollten nach Möglichkeit zu Experten in eigener Sache gemacht werden, um ihre jeweiligen Interessen mit den Interessen und Möglichkeiten der jeweiligen Länder verknüpfen zu können. Die frühzeitige Information, eine Wohnung den Bedürfnissen im Alter anzupassen, Wohnalternativen zur Auswahl zu haben oder sogar an der Entwicklung eigener neuer Varianten mitzuwirken, könnte sicherlich häufig einen unnötigen oder übereilten Umzug in ein Altenheim verhindern.

 

Dies soll keinesfalls bedeuten, dass die Einrichtung des Altenheims in der Zukunft nicht mehr benötigt wird. Die Anzahl der pflegebedürftigen Menschen wird zunehmen und Altenheime werden sicherlich eine wichtige Alternative für ein Leben im Alter darstellen. Es geht weniger um eine generelle Abschaffung, sondern um Veränderungen in der Konzeption und dem Serviceangebot. Die Forderungen nach einem qualitativ bedürfnis-orientiertem Ausbau vermehren sich und auch dahingehend könnte über den Einbezug älterer Menschen innerhalb der Planungsphasen nachgedacht werden.

 

3. Arnsberg: Ein Beispiel aus der Praxis

 

Die Städte stellen den Lebensraum für die Mehrheit der älteren Menschen innerhalb der OECD Staaten dar und in diesem Kontext lässt sich die Frage stellen: ”Should older people have to protect themselves from urban society or should urban society be reshaped to make all places work for older people?” (OECD PUBLICATIONS 2003, 11). Denn die Rahmenbedingungen innerhalb der Städte bieten oftmals keine guten Voraussetzungen, um älteren Menschen ein unabhängiges Leben im Alter zu ermöglichen. Aber wie kann man sich eine solche Anpassung vorstellen? Ein Projekt aus Deutschland, welches sowohl bauliche und intergenerative Maßnahmen miteinander verknüpft, findet sich beispielsweise in der Stadt Arnsberg, 2004 ausgezeichnet mit dem Preis „Die Soziale Stadt“ des Bundesministeriums für Verkehr, Bau und Wohnungswesen.

 

Die demographische Entwicklung wurde von der Stadt als politisches Thema frühzeitig aufgegriffen. Innerhalb eines eingegrenzten Siedlungsraumes mit einer hohen Bevölkerungs- und Siedlungsdichte wurden alle Bewohner, die älter als 50 Jahre waren (28.000), angeschrieben und aufgefordert, sich mit der Frage: „Wie möchte ich leben, wenn ich älter bin?“ auseinander zu setzen. Dies führte zur Gründung von zwei Vereinen: „Mit Freu(n)de ins Alter“ und „Im Alter gemeinsam“. Dieses Netzwerk organisierte sich weitgehend selbstständig und erklärte die älteren Menschen zu Experten in eigener Sache. Sprachrohr der Arnsberger Senioren ist der Seniorenbeirat. Die Älteren übernahmen die Verantwortung für eine Solidargemeinschaft unterschiedlicher Generationen im Gemeinwesen. Vierteljährlich wird eine Zeitung (Sicht) herausgegeben, mit einer Auflage von 6200 Exemplaren. Es handelt sich um eine Zeitung von Senioren und für Senioren deren Ziel darin besteht, über die Probleme der älteren Generation in der Zukunft zu informieren, Interessierte über Projekte zu informieren und ebenso zur Teilnahme aufzurufen. Zum Beispiel wurden Wohnprojekte, die „soviel Unabhängigkeit wie möglich und so viel Betreuung wie nötig“ bieten mit den künftigen Bewohnern gemeinsam konzipiert. Zwei Mietwohnanlagen mit 155 Ein- und Zweizimmerwohnungen und einem Gemeinschaftshaus wurden inzwischen eingeweiht und öffnen sich der angrenzenden Nachbarschaft. So werden durch gezielte Aktivitäten Außenstehende in den Alltag einbezogen und konkrete Kontakte zur jüngeren Generation geknüpft. Ein Internetcafé wurde eröffnet und Senioren bieten Schulaufgabenhilfe für benachteiligte Schüler an. Ein wöchentlicher Treff bietet für Interessierte die Möglichkeit des Kennenlernens und eine Wohnberatungsstelle bietet Hilfe bei der altersgerechten Umgestaltung von privaten Wohnungen. Sieben Seniorencomputertreffs wurden eingerichtet und eine Gruppe von Senioren engagiert sich in der Geschichtswerkstatt einer Schule.

 

Die Stadt Arnsberg nutzte das seit 2002 laufende Bundesmodellobjekt „Erfahrungswissen für Initiativen (EFI)“. „Nach einer gemeinsamen Fortbildung arbeiteten EFI-Senioren Trainer als Mutmacher und Multiplikatoren, die ihr Wissen und ihre Erfahrungen in bürgerschaftliche Projekte einfließen lassen. Ihr Einsatzgebiet wählen sie selbst. 15 Arnsberger haben dieses Programm mittlerweile absolviert“ (Dokumentation des Wettbewerbs Preis Soziale Stadt 2004, 11).

 

Die Jury hat dieses Projekt besonders dafür ausgezeichnet, dass „Arnsberg in bemerkenswerter Offenheit und mit großem Weitblick den demographischen Wandel konzeptionell und zukunftsweisend angeht. So soll die Stadt weiterhin als Lebensort für ältere Menschen in ihrem gewohnten Umfeld mit guter Qualität erhalten bleiben. Die Älteren werden am Gemeinwesen der Stadt beteiligt, indem ihr Wissen und Können bei der Gestaltung der Stadt zum Tragen kommt. Eine sorgfältig aufgebaute Organisationsstruktur ermöglicht älteren Menschen ohne Schwellen- und Berührungsangst ihre eigene Zukunft zu gestalten, aber auch Kontakte zu Trägern der Seniorenarbeit und den Vereinen. Seniorenarbeit und bürgerschaftliches Engagement werden zu einem vorbildlichen Projekt, das auf eine langfristige Entwicklung und Fortschreibung angelegt ist und einen Orientierungsrahmen für öffentliche und private Projekte ermöglicht. […] Ein Projekt von großer Effizienz und Nachhaltigkeit, das bspw. für den so häufig geforderten Generationenvertrag steht“ (Dokumentation des Wettbewerbs Preis Soziale Stadt 2004, 11). Ein Kommentar eines Seniors vermag vielleicht den Erfolg dieses Projektes in aller Kürze beschreiben: „Seitdem ich Seniortrainer bin, habe ich keine Zeit mehr zum Arzt zu gehen, um den zu fragen, wie es mir geht“ (Dokumentation des Wettbewerbs Preis Soziale Stadt 2004, 12).

 

Dieses Projekt zeichnet sich dadurch als etwas Besonders aus, weil in einem großen Ballungsgebiet parallel auf unterschiedlichsten Ebenen agiert wurde. Ein politisch progressiver Umgang mit dem Thema Leben im Alter und die Aufforderung zum Dialog förderte die Eigeninitiative der älteren Menschen. Dies veranschaulicht ein bestehendes Interesse an der Mitgestaltung der eigenen Zukunft und der Teilhabe an einem gesellschaftlichen Miteinander. Projekte wie dieses lassen sich außerdem vielfältig erweitern.

Ein derart gewachsenes Netzwerk ermöglicht die Integration vieler verschiedener Wohnprojekte, bietet Raum für ein breites Angebot an mobilen Pflegemaßnahmen, eine Ansiedlung von Menschen unterschiedlichster Interessen und Fähigkeiten und bietet Raum für intergenerative Aktivitäten. Eine flexible Grundlage, um einen urbanen Bereich nach Möglichkeit nicht allzu „künstlich“ zu beeinflussen und eine stabile Durchmischung zu gewähren. Ob private Wohngemeinschaften älterer Menschen, Wohngruppen im Generationenmix, Wohngruppen für Demenzkranke, sensibel geplante Altenheime etc., diese Umgebung bietet gute Vorraussetzungen, damit sich ältere Menschen individuell engagieren können, öffentlichen Anschluss finden oder sich auch nach Wunsch zurückzuziehen können. Denn darin besteht eine der größten Herausforderungen.

 

In vielen Ländern lässt sich ein Zuwachs von verschiedensten Wohngemeinschaften beobachten. Während im früheren Sinne die Wohngemeinschaft noch ein Ausdruck des ungebundenen Studentenlebens war, wird diese Lebensform auch für ältere Menschen immer attraktiver. Diese Gemeinschaften entstehen in der Regel nicht zufällig, die Mitglieder kennen sich häufig schon lange und wollen sich sowohl gegen die Risiken des Alters absichern, als auch ausdrücklich soziale Kontakte verstärken. Auch wenn diese Wohnformen bisher nur von einer Minderheit gewählt werden, können sie wichtige Informationen für die Zukunft liefern.

 

Denn mit zunehmenden demographischen Veränderungen lässt sich schon jetzt ein Trend erkennen: “With a declining birth rate more people will not have childern and may wish to live with unrelated adults. […] One study found out that the key difference between these kind of schemes (often called co-housing) and conventional sheltered housing is that they are planned in co-operation with incoming residents. Moreover, co-housing members often choose like-minded people who they want to have as fellow co-housers. This means having co-housers from similar backgrounds, education, or selectiong people with ´similar values´ (OECD PUBLICATIONS 2003, 46). Parallel dazu ist ein Anstieg von intergenerativen Projekten zu verzeichnen, wie z.B. in Finnland, Italien, USA, NL und Deutschland (vgl. Karl, F. 2002, 24ff./31ff.). Projekte, die sich mit einer Maßnahme vergleichbar mit Arnsberg, je nach Bedarf gut kombinieren lassen könnten.

 

4. Die Komplexität urbaner Lebensräume

 

Das hier zugrundeliegende städtebauliche Projekt zeigt, dass ein sensibles Miteinander verschiedenster Interessengruppen unter Einbeziehung und Nutzung der Fähigkeiten älterer Menschen zu guten und ausbaufähigen Ergebnissen führen kann, und soll hier nur stellvertretend für viele Modellprojekte verschiedener Nationen vorgestellt werden. Es muss betont werden, dass ein solches Modell sich sicherlich nicht so einfach für alle Städte oder Stadtgebiete umsetzen lässt. Städte an sich und innerhalb ihrer eigenen Stadtteile lassen sich sicherlich nicht pauschal miteinander vergleichen. Stadtviertel, die bspw. über geringe Durchmischungen verfügen, schlechte infrastrukturelle Voraussetzungen mitbringen oder zu den „sozialen Brennpunkten“ zählen, werden voraussichtlich über die vermehrte Bedeutung des Themas Alter eine größere Herausforderung darstellen.

In einem Viertel, wo bspw. zwar in die Anpassung der Wohnungen investiert wird, aber “überforderte Nachbarschaften“ ein gutes Miteinander nicht ermöglichen, wird es sich sehr wahrscheinlich als viel schwieriger gestalten, die Selbsthilfe und das Miteinander zu fördern (vgl. Ministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Frauen 1999, 23f.). Außerdem ist es in der Vergangenheit z.B. in Deutschland viel zu häufig vorgekommen, dass „Investoren […] Büro- und Gewerbeflächen zu Senioren-Wohnprojekten ´umetikettiert´ [haben]. Die Zahl der an falschen Standorten platzierten, qualitativ unzureichenden Seniorenwohnanlagen wächst überproportional“ (Ministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Frauen 1999, 17). Viele Projekte werden z.B. in Deutschland durch bürokratische Hürden erschwert. Um eine möglichst große Vielfalt an Angeboten entwickeln zu können, bedarf es vereinfachter Regelungen, um vielfältige Ideen umsetzen zu können. Kurzfristig angelegte Projekte werden sicherlich weniger effektiv sein.

 

Ein weiteres Problem für die Städte der einzelnen Länder werden die alternden Migranten darstellen. Zusätzlich zu sozialstrukturellen Gefügen kommen hier kulturelle Unterschiede zum Tragen. Sprachliche Barrieren, körperliche Tabus und kaum Erfahrungswerte erfordern einen sehr sensiblen Umgang. Erste Reaktionen darauf lassen sich z.B. in Großstädten wie Köln oder Berlin erkennen, wo es mittlerweile mobile Pflegedienste gibt, die sich nur auf türkischstämmige ältere Menschen spezialisiert haben.

 

Allein aufgrund statistischer Daten Aussagen über die Bedürfnisse und notwendige Maßnahmen für zukünftige Generationen zu treffen, erscheint als wenig sinnvoll. “There is a lack of knowledge of good practice and it is all too easy to draw wrong or misleading conclusions, as a number of research examples make clear. Policy makers must take into account a range of underlying trends and implications for all older groups in housing design, social services, transport and development” (OECD PUBLICATIONS 2003, 10). Die Probleme sind so komplex, dass die Entwicklungen von Standardlösungen sicherlich keine großen Erfolge mit sich bringen würden. Denn die Gruppe der älteren Menschen ist genauso heterogen wie die restliche Gesellschaft und “der ältere Mensch“ ist so nicht existent.

 

Wie lässt sich zukünftig die Auseinandersetzung mit Fragen des Alterns einem möglichst großen Publikum ins Bewusstsein rufen, ohne das Alter von vornherein negativ assoziiert wird? Wie werden die immer weniger werdenden jungen Menschen in Zukunft auf die ältere Bevölkerung verteilt und welche Auswirkungen wird das auf die Städte haben? Wie kann die Ressource Alter zukünftig genutzt werden? Ältere Menschen eigenen sich mit all ihrem Wissen und ihren Erfahrungen eben nicht nur zum Babysitten. Welche Serviceleistungen müssen zukünftig angeboten werden? Wie bekommen ältere Menschen und deren Angehörige eine möglichst gute Übersicht über Kosten und Nutzen dieser Dienste? Welche technischen Anpassungen erscheinen sinnvoll, um Aversionen über einfachere Bedienbarkeit möglichst gering zu halten?

 

Es lassen sich demnach viele Fragen formulieren, die über nationale Interessen hinaus von Bedeutung sind und ein kooperatives Vorgehen und einen intensiven Vergleich und Austausch verschiedener nationaler Entwicklungen als sehr förderlich erscheinen lassen.

 

 

Literatur

 

Architektenkammer Sachsen-Anhalt (Hrsg.) (2004): Seniorenresidenzen / Residences for Senior Citizens. Architecture + Competitions. Stuttgart: Karl Krämer Verlag GmbH & Co.

 

Backes, Gertrud M. (Hrsg.) (2000): Soziologie und Alter(n). Neue Konzepte für Forschung und Theorieentwicklung. Opladen: Leske + Budrich.

 

Backes, Gertrud M./ Clemens, W. (Hrsg.) (2003): Zukunft der Soziologie des Alter(n)s. Opladen: Leske + Budrich.

 

Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.) (2002): Wie wohnt man, wenn man älter wird?. Berlin.

 

Dokumentation des Wettbewerbs Preis Soziale Stadt 2004:

http:// www.schader-stiftung.de/wohn_wandel/603.php.Stand:02.05.2005

 

Esping-Andersen, G. (1998): Die drei Welten des Wohlfahrtskapitalismus. Zur politischen Ökonomie des Wohlfahrtsstaates. In: Lessenich, S./ Ostner, I. (Hrsg.): Welten des Wohlfahrtskapitalismus. Der Sozialstaat in vergleichender Perspektive. Frankfurt/ Main; New York: Campus Verlag: 19-56

 

Karl, F. 2002: Generations and Society – Intergenerational programms in Europe and USA. In: Karl, F./ Aner, K. (Hrsg.) (2002): Die „neuen Alten“ – revisted. Kaffeefahrten – Freiwilliges Engagement – Neue Altersstruktur – Intergenerative Projekte. Kassel: University press GmbH.

 

Karl, F. (Hrsg.) (2003): Sozial- und verhaltenswissenschaftliche Gerontologie. Alter und Altern als gesellschaftliches Problem und individuelles Thema. Weinheim und München: Juventa Verlag.

 

Kivelä-Vierling, A./ Myllymäki-Neuhoff, J. (2001): Altern im Norden Europas – Finnische Perspektiven des Alterns.

http:// www.unica2002.de/705.html. Stand: 02.05.2005

 

Ministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Frauen (Hrsg.) (1999): Wohnen im Alter. Eine Herausforderung für Wohnungsunternehmen. Potsdam: Druckhaus Schmergow.

 

Motel-Klingelbiel, A./ Kelle, U. (Hrsg.) (2002): Perspektiven der empirischen Alter(n)ssoziologie. Opladen: Leske + Budrich.

 

OECD PUBLICATIONS (2003): Ageing, Housing and Urban Development. Paris.

 

Wohnbund e.V. (Hrsg.) (2004): Wohnbund Informationen. Selbstbestimmt Wohnen im Alter. München: Lichtpunkt medien e.K.

 

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ELLEN MARQUARDT | TEXTERIN BLOG